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«Die Wirtschaft braucht doch Wachstum»: was an dem Einwand stimmt und was nicht

Unternehmen müssen wachsen, Preise dürfen nicht fallen, und in der Krise muss jemand eingreifen können. Drei Sätze, die selbstverständlich klingen. Schauen wir sie einzeln an.

9 Minuten Lesezeit Lisa Tscherry

Dieser Einwand kommt meistens von Frauen, die wirtschaftlich denken, und genau deshalb verdient er eine sorgfältige Antwort. Er besteht aus drei Behauptungen, die gern ineinanderfliessen: Unternehmen brauchen Wachstum, eine Wirtschaft verträgt keine sinkenden Preise, und ohne Zentralbank kann in der Krise niemand helfen. Die drei sind unterschiedlich gut begründet, deshalb nehmen wir sie auseinander.

Sinkende Preise sind nicht gleich sinkende Preise

Das Schreckenswort heisst Deflation, und es vermischt zwei völlig verschiedene Dinge. Das eine sind Preise, die fallen, weil Produktion besser wird: Technologie macht Dinge günstiger, und jede Konsumentin bekommt mehr für ihr Geld. Das andere ist die Krisen-Deflation, bei der ein überschuldetes System einbricht, Kredite verschwinden und die Nachfrage kollabiert. Die Grosse Depression war das zweite, ein Schuldenproblem. Wer mit ihr gegen sinkende Preise an sich argumentiert, verwechselt die Krankheit mit dem Symptom.

Dass Menschen bei fallenden Preisen endlos aufs Kaufen verzichten würden, widerlegt jede von uns selbst, jedes Jahr. Elektronik wird seit Jahrzehnten laufend günstiger und besser, und trotzdem kauft niemand ihr Telefon «lieber nächstes Jahr». Gegessen, gewohnt und gelebt wird ohnehin heute. Die berühmte Abwärtsspirale des Konsums ist in den Branchen, die sie täglich widerlegen könnten, schlicht nie eingetreten.

Warum Wachstum nicht aus der Druckerpresse kommt

Wachstum entsteht aus Ersparnis, Investition und Produktivität, nicht aus mehr Geldeinheiten. Mehr Franken machen die Schweiz nicht reicher, sie verteilen nur um, und zwar zu denen, die dem neuen Geld am nächsten sitzen. Die Kaufkraftrechnung kennt jede, die lange genug lebt: Auch der harte Franken hat seit 1960 rund drei Viertel seiner Kaufkraft abgegeben, der Dollar deutlich mehr. Das ist der Preis dafür, dass die Produktivitätsgewinne der Technik laufend von wachsender Geldmenge überschrieben werden. Eigentlich müsste vieles günstiger werden. Dass es das nicht wird, ist keine Naturkonstante, sondern eine Entscheidung.

Und die Krise? Der Teil, der berechtigt bleibt

Jetzt der Einwand, den ich am meisten respektiere: In einer Panik verkaufen alle gleichzeitig, und ohne Kreditgeber der letzten Instanz können auch gesunde Firmen an reiner Liquiditätsnot sterben. 2008 und im März 2020 haben die Zentralbanken einen Kollaps des Zahlungssystems vermutlich tatsächlich verhindert. Das soll man nicht wegdiskutieren.

Die ehrliche Rückfrage lautet nur: Woher kam der Hebel, der da fast explodiert ist? Er wurde über Jahrzehnte aus billigem Kredit und der verlässlichen Erwartung von Rettungen aufgebaut. Wer jedes Feuer löscht, ohne zu fragen, wer das Benzin verteilt hat, bekommt grössere Feuer. Jede Rettung senkt die Vorsicht für die nächste Runde. Das ist kein Argument gegen die Feuerwehr im Brandfall, aber eines gegen ein System, das den Brandfall zum Normalfall macht.

Und was bleibt vom Einwand stehen? Einiges, und das gehört gesagt: Unter einem strikt harten Geld gäbe es keinen Retter der letzten Instanz, Löhne passen sich nach unten schlecht an, und kein Staat gibt seine geldpolitische Souveränität freiwillig ab. Wer dir erzählt, hier sei alles gelöst, verkauft dir etwas. Nur ist das für dich persönlich gar nicht die Frage. Bitcoin schafft die Nationalbank nicht ab. Es stellt neben das bestehende System eine Sparalternative, die niemand verwässern kann, und lässt dir die Wahl, wie viel von beidem du willst. Man muss das System nicht abschaffen wollen, um zu verstehen, warum ein Ausgang wertvoll ist.

  • Technologie-Deflation ist Wohlstand, Krisen-Deflation ist ein Schuldenproblem, der Einwand vermischt beides
  • Unter dem klassischen Goldstandard wuchs die Wirtschaft kräftig, samt der grössten Industriegründungen des Jahrhunderts
  • Wachstum kommt aus Produktivität, nicht aus Geldmengenausweitung
  • Der Krisen-Einwand hat einen wahren Kern, und der Hebel, der Rettungen nötig macht, ist selbst ein Produkt der Rettungen
  • Bitcoin ersetzt die Nationalbank nicht, es ergänzt sie um eine Wahlmöglichkeit

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