Blog Einwände
«Zu volatil für einen Wertspeicher»: der Einwand, der ein Missverständnis über Zeit ist
Bitcoin schwankt, das bestreitet niemand. Die eigentliche Frage ist eine andere: Wie lange dauert es, bis etwas Neues zu Geld wird, und was darf man unterwegs erwarten?
Von allen Einwänden, die ich in Sessions und Gesprächen höre, ist dieser der verständlichste: «Bitcoin schwankt viel zu stark, um ein Wertspeicher zu sein.» Er ist verständlich, weil die Beobachtung stimmt. Bitcoin hat mehrfach über siebzig Prozent seines Preises verloren, zuletzt im Einbruch von 2025 auf 2026. Wer das erlebt hat, dem muss man nichts erklären. Und trotzdem steckt in dem Einwand ein Missverständnis, und zwar keines über Bitcoin, sondern eines über Zeit.
Nichts wird über Nacht zu Geld
Was wir heute als selbstverständlich stabil empfinden, hat seine eigene Findungsphase durchlaufen. Gold hat Jahrhunderte gebraucht, um vom Schmuckmetall zum allgemein akzeptierten Wertaufbewahrungsmittel zu werden. Und selbst dieses uralte, fertige Geld wurde noch einmal wild, als es 1971 nach dem Ende der Goldbindung des Dollars neu bewertet werden musste: plus 73 Prozent im Jahr 1974, minus 24 Prozent im Jahr darauf, plus 121 Prozent 1979, minus 33 Prozent 1981. Wer Gold nur in diesen Jahren beurteilt hätte, hätte es als Zockerei abgetan.
Bitcoin ist siebzehn Jahre alt. Zu erwarten, dass ein neues Geld nach siebzehn Jahren von allen verstanden, akzeptiert und ruhig bepreist wird, ist keine hohe Messlatte, es ist eine unmögliche. Menschen müssen die Eigenschaften einer Sache erst kennenlernen, bevor sie ihr vertrauen, und das lässt sich nicht abkürzen. Die Schwankung ist kein Zeichen, dass die Monetisierung scheitert. Sie ist das Aussehen einer Monetisierung, die noch läuft: Ein Gut, das von null auf Billionen wächst, kann diesen Weg rechnerisch gar nicht in einer geraden Linie gehen.
Volatil, gemessen woran?
«Volatil» ist immer eine Aussage im Verhältnis zu einer Bezugswährung. Aus Schweizer Sicht, mit dem Franken als einer der härtesten Währungen der Welt, wirkt Bitcoins Schwankung enorm. Aus Sicht vieler anderer Länder sieht dieselbe Rechnung anders aus: Die türkische Lira verlor allein 2021 über achtzig Prozent ihres Werts, der argentinische Peso entwertete 2024 bei einer Inflation von rund 276 Prozent, der nigerianische Naira fiel 2024 um 43 Prozent zum Dollar. Diese Währungen schwanken nicht, sie bewegen sich zuverlässig in eine Richtung, nach unten. Bitcoin schwankt in beide.
Für uns in der Schweiz ist das kein direktes Kaufargument, und so sollst du es auch nicht lesen. Es ist ein Perspektivwechsel: Er zeigt, dass «stabil» und «schwankend» keine Eigenschaften einer Sache allein sind, sondern des Vergleichspaars. Auch der Franken hat in fünfzig Jahren einen erheblichen Teil seiner Kaufkraft verloren, nur eben langsam und ohne Schlagzeilen.
Was der Zeithorizont ändert
Ein Wertspeicher muss nicht auf Wochensicht ruhig sein. Er muss über Jahre Kaufkraft erhalten. Historisch war Bitcoins Bilanz über Haltezeiten von mehreren Jahren fast immer positiv. Fast immer, nicht immer: Wer nahe am Hoch von 2021 gekauft hat, lag Mitte 2026 auch nach über vier Jahren noch im Minus, so lange wie nie zuvor in Bitcoins Geschichte. Genau deshalb sage ich in jedem Kurs dasselbe: Bitcoin ist nichts für Geld, das du in den nächsten Jahren brauchst. Kurzfristig gedacht heisst das schlicht, kein solches Geld einzusetzen. Und es heisst sparen, nicht investieren.
Dazu kommt etwas Praktisches, das die Schwankung im Alltag fast unsichtbar macht: der Sparplan. Wer regelmässig einen festen, verkraftbaren Betrag kauft, kauft automatisch mehr Anteile, wenn der Preis tief ist, und weniger, wenn er hoch ist. Der Einstiegszeitpunkt, um den sich so viele sorgen, verliert seine Macht. Man merkt wenig von der Aufregung, weil man gar nicht versucht, sie zu timen. Aus «Wann steige ich ein?» wird «Wie lange bleibe ich dran?», und das ist eine Frage, die du selbst in der Hand hast.
- Volatilität gehört zur Entstehungsphase eines Wertspeichers, sie widerlegt ihn nicht
- Mit wachsender Grösse und breiterer Halterschaft hat die Schwankung historisch tendenziell abgenommen, eine Garantie ist das nicht
- Gemessen wird immer in einer Bezugswährung, und viele Landeswährungen verlieren zuverlässiger als Bitcoin schwankt
- Der Zeithorizont entscheidet: kein Geld einsetzen, das du kurzfristig brauchst
- Ein Sparplan nimmt dem Einstiegszeitpunkt seine Bedeutung