Blog Einwände

«Viel zu viel Strom»: was an der Energie-Debatte stimmt und welche Frage niemand stellt

Bitcoin verbraucht wirklich viel Strom, das bestreite ich nicht. Interessant wird es bei den drei Fragen dahinter: woher der Strom kommt, was er nebenbei bewirkt, und woran wir eigentlich messen, was Energie «verdient».

9 Minuten Lesezeit Lisa Tscherry

Kein Einwand kommt in Firmenworkshops so zuverlässig wie dieser, und keiner wird so oft mit falschen Zahlen geführt, in beide Richtungen. Deshalb zuerst die ehrliche Grössenordnung, dann die drei Fragen, die dahinter liegen und die Debatte eigentlich ausmachen.

«So viel wie ein ganzes Land» stimmt also, klingt aber dramatischer, als es ist: Auch Wäschetrockner, Rechenzentren oder die Goldindustrie verbrauchen «so viel wie ein Land». Der Ländervergleich funktioniert bei jeder grösseren Industrie, er beantwortet nur keine einzige der eigentlichen Fragen.

Erste Frage: Woher kommt der Strom?

Eine Kilowattstunde ist nicht gleich eine Kilowattstunde. Strom aus einem Kohlekraftwerk hat eine andere Bilanz als Strom aus einem Wasserkraftwerk, dessen Überschuss sonst niemand abnimmt. Und hier hat sich in wenigen Jahren mehr verändert als in der öffentlichen Debatte angekommen ist: Nach der Cambridge-Studie von 2025 stammt gut die Hälfte des Mining-Stroms aus nachhaltigen Quellen, und der Kohleanteil ist von rund 37 Prozent im Jahr 2022 auf unter 9 Prozent gefallen. Miner suchen schlicht den billigsten Strom der Welt, und der billigste Strom ist zunehmend der, den sonst niemand will.

Zweite Frage: Was macht dieser Abnehmer mit dem Netz?

Bitcoin-Miner sind die flexibelste Grosslast, die ein Stromnetz haben kann: Sie schalten in Sekunden ab. Keine Fabrik kann das. In Texas ist das dokumentierter Alltag, dort nehmen Miner an den Programmen des Netzbetreibers teil und gehen bei Hitzewellen und Winterstürmen vom Netz, damit der Strom zu den Haushalten fliesst. Ein Netz mit viel Wind und Sonne braucht genau solche Abnehmer, weil erneuerbare Erzeugung schwankt. Allein Kalifornien hat 2024 rund 3,4 Terawattstunden Wind- und Solarstrom weggeworfen, abgeregelt, weil ihn zur falschen Zeit niemand brauchte. Mining ist der einzige industrielle Abnehmer, der zum Strom reist, statt den Strom zu sich zu holen.

Dritte Frage: Was entsteht dort, wo der Strom sonst verpufft?

Das ist der Teil der Geschichte, der mich am meisten beschäftigt, weil er selten erzählt wird. Ein kleines Wasserkraftwerk in einem abgelegenen Dorf rechnet sich nicht, solange die Bewohnerinnen anfangs nur ein paar Lampen betreiben. Ein Miner als erster Grossabnehmer kauft die Überschüsse vom ersten Tag an, macht das Kraftwerk wirtschaftlich, und weicht zurück, sobald die lokale Nachfrage wächst. In Kenia, Malawi und Sambia sind so nach Berichten mehrere tausend Haushalte ans Netz gekommen, an einzelnen Standorten sank der Strompreis um bis zu 60 Prozent, und Klinik und Werkstatt haben immer Vorrang vor den Maschinen.

Der Virunga-Nationalpark im Kongo, Afrikas ältester, stand nach Entführungen, Ebola und Covid vor der Pleite. Seit 2020 verkauft er den Überschussstrom seines eigenen Wasserkraftwerks an Mining-Container direkt an den Turbinen. Die Erlöse zahlen Ranger-Löhne, Strassen und Wasserpumpen.
MIT Technology Review, 2023

Und jetzt die Frage, die niemand stellt

Bleibt die eigentliche Frage: Ist es das wert? Und hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Niemand hat je ausgerechnet, wie viel Strom Streaming, Online-Werbung oder Geldautomaten «verdienen». Niemand fragt, wie viel Energie das Anschauen von Katzenvideos verbrauchen darf. Wir akzeptieren bei allem anderen, dass Nutzen subjektiv ist und dass Menschen mit ihrer Nachfrage darüber abstimmen. Nur bei Bitcoin stellen wir die Frage, und das sagt mehr über unsere Gewohnheiten als über Bitcoin.

Und was muss man einräumen? Dreierlei. Der absolute Verbrauch wächst mit dem Preis, das ist Systemdesign, und die Kurve zeigt langfristig nach oben, gedämpft durch die Halbierungen. Alter Mining-Geräte sind Spezialhardware, und die Branche dokumentiert ihr Recycling bisher schlecht, auch wenn die berühmten Schrott-Schätzungen auf angreifbaren Annahmen beruhen. Und wo Miner unflexibel und schlecht reguliert auftreten, leiden lokale Netze und Nachbarschaften, der Lärm von Kühlanlagen ist real. Texas ist das Positivbeispiel, nicht der Normalfall. Wer dir erzählt, an der Debatte sei nichts dran, verkauft dir genauso etwas wie jemand, der sie zur Abrechnung macht.

  • Rund 0,5 Prozent des Weltstroms, mehr als Gold, weniger als Banken und Rechenzentren
  • Gut die Hälfte aus nachhaltigen Quellen, der Kohleanteil ist eingebrochen
  • Miner stabilisieren Netze, weil sie in Sekunden abschalten können
  • Mining finanziert Stromnetze an Orten, an denen sonst niemand investiert
  • Die Frage «ist es das wert?» stellen wir bei keinem anderen Stromverbraucher, und sie ist eine Wertefrage

Weiterlesen

Newsletter

Bleib auf dem Laufenden

SatoShe Signals: zweimal im Monat fundierte Einblicke zu Bitcoin, Geld und finanzieller Selbstbestimmung. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Newsletter abonnieren